Bayerische Akademie Ländlicher Raum

13.02.2020 zurück

Baukultur!

Rückblick auf unser Fachkolloquium

Die große Mehrzahl unserer Gemeinden befindet sich in einem Strukturwandel: Wachstums-, Zuzugs- und Hochpreisgemeinden stehen vor der Herausforderung, den richtigen, durchdachten und preisgedämpften Wohnraum zu schaffen. Zahlreiche Gemeinden in von Schrumpfung betroffenen Regionen sind aufgerufen, die damit verbundenen - auch städtebaulichen Schwierigkeiten – zu meistern. Alle Gemeinden sind hierbei aufgefordert, ihren Strukturwandel flächennachhaltig und, soweit möglich, im Rahmen einer städtebaulich machbaren und zugleich verträglichen Innenentwicklung zu meistern. Dieser Strukturwandel ist Risiko und zugleich Chance für einen zentralen Aspekt guter Ortsplanung, den der örtlichen Baukultur! Baukultur ist dabei mehr als die Frage, mit welchen Materialien die Dächer einzudecken sind. Örtliche Baukultur schafft Identifikation der Menschen mit ihrem Ort und ihrer Heimat. Qualitäten in der Ortsplanung schaffen darüber hinaus Werterhalt, Vitalität und Ausstrahlung, die von immer mehr Gemeinden – auch gerade im Ländlichen Raum – als weiche Standortfaktoren verstanden werden. Denn wo lassen sich die Menschen gerne nieder? Wo treffen sie die Entscheidung für ihren Standort? Eben auch dort, wo städtebauliche und architektonische Qualitäten Harmonie, Aufenthaltsqualität und Heimat schaffen.

Mit unserer diesjährigen Kooperationstagung von Bayerischer Akademie Ländlicher Raum e.V., dem Bayerischen Bauindustrieverband und dem Bayerischen Gemeindetag wollten wir demnach aufzeigen, wie ländliche Baukultur die Zukunft von Dörfern und Kleinstädten fördert und wie dies über die Arbeit in den Gremien, konkrete juristische Instrumente sowie bauliche Vorhaben erreicht werden kann. Baukultur ist Chance für den Ländlichen Raum. Die Anstrengungen, die für ihren Erhalt sowie ihre Fortentwicklung und zukunftsorientierte Transformation notwendig sind, lohnen sich. Packen wir es an! Dies war das Motto der Tagung.

In seiner Begrüßung wies der Ideengeber und Organisator Dr. Helmut Bröll darauf hin, dass sich das Kooperationsmodell der drei Veranstalter seit vielen Jahren bewährt. Es ist offensichtlich, dass gerade der interdisziplinäre Ansatz, den die drei Verbände in unsere Tagungen einbringen, von Seiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geschätzt wird.

Für den Bayerischen Bauindustrieverband überbrachte Werner Goller die besten Grüße des Verbandes und des Hauptgeschäftsführers Thomas Schmid. Der Bayerische Bauindustrieverband stellt seit vielen Jahren seine sehr zentral gelegenen Räumlichkeiten für die Kooperationstagung zur Verfügung. Herzlichen Dank dafür.

In seinem Einführungsvortrag erarbeitete Prof. Manfred Miosga, Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum e.V., ein komplexes und ganzheitliches Bild des Begriffs der Baukultur. Baukultur ist demnach immer auch das Spiegelbild sozialer Fragen. Mit Blick auf den Ländlichen Raum stellt sich hierbei heute insbesondere die Frage der bedarfsgerechten Planung, die jeweils an der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen und ökologischen Zielen ausgerichtet werden sollte. Dann entsteht auch gute und nachhaltige Ortsplanung.

Im ersten Fachvortrag des Tages mit dem Titel „Für eine Baukultur der Transformation. Wie ländliche Baukultur die Zukunft von Dörfern und Kleinstädten fördert“ wies auch Prof. Mark Michaeli, Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land darauf hin, dass unsere Dörfer und Kleinstädte einem ständigen Wandlungsprozess unterliegen und deshalb aus wissenschaftlicher Perspektive der Begriff Baukultur als Grundlage der Diskussion über die gute Entwicklung des Ländlichen Raums in der Regel zu eng gefasst wird. Die gute Entwicklung der Räume bedarf vielmehr der fundierten Kenntnis struktureller Zusammenhänge. Diese zu ermitteln und zu bewerten ist gleichermaßen Aufgabe von Wissenschaft und Politik.

Im zweiten Fachvortrag des Tages stellt Dr. Franz Dirnberger, Geschäftsführer des Bayerischen Gemeindetags, die baurechtlichen Leitplanken ansprechenden Bauens dar. Bundes- und Landesgesetzgeber haben den planenden Gemeinden demnach zwar Instrumente an die Hand gegeben, mit denen Kubaturen von Gebäuden gesteuert werden können. Ästhetische Fragen am Bau – über die sich bekanntlich streiten lässt – sind jedoch ungleich schwieriger vorzugeben.

Im letzten Vortrag vor der Mittagspause kam schließlich die Bauwirtschaft zu Wort. In seinem Vortrag „Baukultur als Aspekt der Wirtschaftlichkeit und des Werterhalts“ arbeitet Dr. Ernst Böhm, Geschäftsführer der B&O Gruppe heraus, dass ansprechendes und nachhaltiges Bauen häufig lediglich am Willen und an der Kreativität der Beteiligten scheitert. Er stellte diesbezüglich gute Beispiel der Holzbauweise dar und liefert nachvollziehbare Wirtschaftlichkeitsmodelle.

Nach dem angeregten Austausch, für den die Mittagspause Gelegenheit bot, berichtete Dr. Christian Kühnel, Kreisbaumeister im Landkreis Starnberg zunächst, welche Auswirkungen die geplante Novelle der Bayerischen Bauordnung auf die Raumgestaltung in unseren Städten und Gemeinden haben könnte. Nicht nur Blick auf die Verkürzung der Abstandsflächen plädierte Dr. Kühnel für gemeindliches Engagement auf dem Felde der Ortsplanung. Nur wer hierbei seine Zielvorstellungen kennt, wird am eine gute Entwicklung gestalten können.

Dr. Frank Seehausen vom Landesamt für Denkmalpflege verwies in seinem Vortrag „Denkmalpflege im Dialog für Kulturerbe und Baukultur im ländlichen Raum“ auf die identitätsstiftende Rolle von Denkmälern, die weit über die Gestalterhaltungsfunktion hinausgeht. Gerade in bewegten Zeiten werden ortsbildprägende Gebäude mit einer Geschichte wichtiger für die Menschen.

Ein rundes Gesamtbild des spannenden Tages lieferten schließlich Frau Vera Winzinger, Planerin und Architektin und Rupert Wintermeier, Bürgermeister aus Uffing am Staffelsee. Am Beispiel der geleisteten Arbeit der letzten Jahre zeigten sie auf, wie aus einem Rahmenplan und aus kommunaler Entschlossenheit eine gute Wirkung für den Schutz eines wertvollen Ortsbildes entspringen kann.

In seiner traditionellen und stets pointiert Zusammenfassung stellt Prof. Holger Magel, Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum e.V. fest, dass das Bauen eine zutiefst kulturelle Aufgabe und Herausforderung darstellt. Bauen ist stets ein privater wie öffentlicher Vorgang, denn "jeder der baut, baut Die Welt der anderen mit ". Deshalb sollte man sich genügend Zeit lassen für das heranreifen der Ideen und für das Planen und Abwägen. Immerhin stehen die Gebäude oft viele Jahrzehnte und prägen Gestalt und Charakter unser Heimat.

 

Matthias Simon

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